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Die Frage, wie es möglich sei, dass sich der Funktionärsapparat immer offenkundiger gegen Rudolf Steiner stellt, muss aus der Geschichte der Gesellschaft beantwortet werden. Naheliegend ist das Studium von Äusserungen seiner damaligen Mitarbeiter, aus denen hervorgeht, wie krankhaft vernebelt schon damals das Bewusstsein gewesen war: Mystische Schwärmerei, entsprechende Arroganz und Fanatismus drohten schon zu Rudolf Steiners Lebzeiten alles zu überwuchern, und grassierten entsprechend unmittelbar nach seinem Tod, wie die folgenden Beispiele zeigen. Lediglich die äusseren Formen dieser krankhaften Sektiererei haben sich zwischenzeitlich geändert.

Am 21.6.1925 schreibt Dr. Otto Fränkl im Nachrichtenblatt (Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht) über die Pfingsttagung der Sektion für das Geistesstreben der Jugend. Hier ein Auszug:

Mit unaussprechlichen, im Herzen gehüteten Gedanken und Gefühlen ist die Jugend diesmal nach Dornach gekommen, zur ersten Tagung der Sektion des Goetheanums, die unser über alles geliebter und verehrter Lehrer für ihr eigenes Geistesstreben eingesetzt hat. Ihren Willen verbarg sie nicht. Die hellen Haufen junger Menschen kamen in einer Haltung, dass man sah: die wollen nicht nur nehmen, nicht nur holen. Die wollen geben: sich selber. – Solche Haltung war die Antwort auf Frau Dr. Wegmans begeisternden Aufruf an die Jüngeren: Macht Euch bereit, unter Michaels Zeichen Euch zu stellen und ihm zu folgen und zu dienen. Die Tagung war die Erklärung zur Bereitschaft. Das ist ein Beginn. Ihm wird die Arbeit, lebenslängliche Arbeit folgen müssen. Ein Bericht über die Tagung könnte gar nicht einen Widerhall finden auch im Herzen derer, die nicht kommen konnten, wenn nicht alle das in Dornach Erlebte wieder hinaustragen würden, verwandelt in ein Stück neuen Menschen, an dem die andern ablesen werden, was Pfingsten, das Fest der geöffneten Menschenbrust, diesmal bedeutet hat.

Und bedenkt man in solcher Frische die Bedeutung dessen, dass in gegenwärtiger Zeit 500 junge Menschen der allerverschiedensten Herkunft aus brennender Liebe zum Geistigen in der Welt, aus brennender Sehnsucht nach ihm zusammengekommen sind an der Stätte, wo es wahrhaft sich kündet – zusammengekommen sind, dass zu ihnen gesprochen werden konnte, wie es eben geschah: frei! menschlich! christlich! – zusammengekommen sind mit mächtigem Willen zu gemeinsamem Ziele – lässt man die Bedeutung all dessen im Herzen aufleben, dann hört man gewaltig in sich klingen: ja, eine neue Weltenstunde hat geschlagen! Seid wach für sie! Dass der Anzeichen in der Welt viele sind, kam auch in Dr. Röschls eröffnenden Worten zum Ausdruck. … Dr. Wachsmuths Worte am Pfingsmontag, diese sonnenhellen, kühnen Worte, die tief eindrangen in geschichtsgestaltende Menschheitsströmungen, klangen in klarste Pfingsttöne aus: Jubilate! Und keine konnte anders. –

Der Verfasser, Dr. Otto Fränkl, war jahrzehntelang Vorsitzender des Paracelsus-Zweiges in Basel und Mentor des späteren Zweigleiters René Harrer. Im Nachlassstreit führte er einen fanatischen Kampf gegen Marie Steiner. Sein damaliges Memorandum geistert noch heute in manchem Köpfen herum. Den vollständigen Text seines Berichtes finden Sie als PDF-Datei hier.

Ita Wegman schrieb am 28.6.1925 im Nachrichtenblatt:

An die Mitglieder: Mit den Leitsätzen, die ich im Sinne Dr. Steiners führen wollte, wurden bei den Mitgliedern dreierlei Stimmungen aufgeweckt: Eine stark positive Bejahung, die von allen Seiten sich kund gab, eine freudige zuversichtliche Stimmung, die vertrauensvoll dem Vorstand sich zuwendete, bereit, mitzuhelfen, mitzutragen die ungeheuren Aufgaben, welche dem Vorstand zugefallen waren nach dem Tode des geliebten Meisters und Führers; zweitens eine negative Einstellung einer kleinen Gruppe von Menschen, die voller Skepsis sich demjenigen entgegenstellten, was mutvoll vorwärts gehen wollte; drittens eine noch kleinere Gruppe, die anfing zu schimpfen, unflätig zu schimpfen, Persönlichkeiten beschimpfend, dabei ganz und gar vergessend die hehre Persönlichkeit Rudolf Steiners, der wohl wusste, was er tat, als er die Mitglieder des Vorstandes in ihre verschiedenen Funktionen einsetzte, ihn dadurch angreifend, weil sie zweifelten an seiner Einsicht.

Dies die Reaktion Ita Wegmans auf Einwände gegen ihre Fortführung der Leitsätze Rudolf Steiners nach dessen Tod. Ihre Entgegnung zeigt bereits den urphänomenalen Dreh auf, mit dem einzelne der damaligen Vorstandsmitglieder versucht haben, sich wegen der Berufung in den Vorstand als von Rudolf Steiner "Auserwählte" zu betrachten. Die ernüchternde Tatsache, dass er letztlich niemanden als "Nachfolger" (zur Leitung der Hochschule) benannt hat, wird geflissentlich ignoriert. Jegliches Pochen auf eine solche Auserwähltheit bestätigt nur die Verblendung und den Grössenwahn des Betreffenden.

Auf der ersten Generalversammlung der AAG, die am 29. Dezember 1925 stattfand, schlug Friedrich Rittelmeyer Albert Steffen als ersten Vorsitzenden vor:

Sowohl als Dichter wie als Vorsitzender der AAG ist uns Albert Steffen schlechthin ein Unersetzlicher. Und so geht unser starker Wunsch zu ihm hin: Albert Steffen sei der AAG, der ihn das Karma, der ihn das Karma der Führermächte, der ihn Rudolf Steiner selbst schenkt, sei er ein Vorsitzender im Geiste Rudolf Steiners… Albert Steffen möchte bei all dem, was ihm an Schwerem in seiner verantwortungsvollen Aufgabe zukommt, immer aus dem Hintergrund heraus spüren: wir wissen, was wir an dir haben! Wir danken es dir, und wir werden es unterstützen, so viel wir irgend können…

Albert Steffen nahm den Vorschlag an, musste aber offen bekennen: meine Fähigkeiten [sind] nicht so umfassende, dass sie das gewaltige Werk, das sich innerhalb der AG gliedert, überschauen können, d.h. wirklich geistig vorsitzend da sein, ich kann das eigentlich im Grunde nicht.

Bis Ende des Jahres, könnte man hoffen, sei der durch den Tod Rudolf Steiners erlittene Schock bei diesem Seelsorger überwunden gewesen. Leider nicht. Da wirkt selbst die (echte?) Bescheidenheit Albert Steffens sympathischer.

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