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Christliche Einweihung oder Rückführung ins Alte Testament?

In der anthroposophischen Bewegung treten mit grosser Regelmässigkeit „Eingeweihte“ auf.[1] Gelegentlich wurden sie bisher (wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand) als wiederverkörperte Rudolf Steiners gefeiert, selbst wenn sie dessen Werk revidiert oder gar ad absurdum geführt haben.[2] Nun hat dieser Eingeweihten-Durchlauf einen weiteren Höhepunkt erreicht: Unter uns wandelt seit einigen Jahren eine stigmatisierte Frau. Noch „stichhaltiger“ könnte ihre Beziehung zu dem von uns erstrebten Christentum nicht „nachgewiesen“ werden! Wen wundert da der blinde Glaube, den gar so viele dieser Persönlichkeit entgegenbringen. Offensichtlich überlesen diese Gläubigen die überheblich-anmassende Selbstdarstellung dieser „Stigmata-Eingeweihten“,[3] die dazu dienen sollen, die Glaubwürdigkeit ihres Erlebens der damaligen historisch-physischen Ereignisse zu untermauern? In der Einleitung zu einem ihrer Bücher finden wir u.a. folgende Erklärungen:[4]

Die vorliegenden Ausführungen sind aus einem eigenständigen geistigen Erleben hervorgegangen und enthalten daher keine Hypothesen oder Spekulationen … Dieses [Miterleben der historischen Ereignisse der Zeitenwende] hat sich als Folge der zu Ostern 2004 eingetretenen Stigmatisation eingestellt … Es handelt sich dabei … nicht um sogenannte Visionen oder reine Schauungen, auch nicht um Imaginationen, sondern um das Durchleben des tatsächlich auf der Erde Geschehenen … (Geleitwort, S. 10)

Es ist eine schwierige und daher höchst verantwortungsvolle Aufgabe für den Menschen, diese objektiven Tatsachen, welche sein Ich jenseits der Schwelle hat aufnehmen können, nun auch in eine wirkliche Erkenntnis zu verwandeln, die ebenso wahrheitsgemäss ist, wie die reine Wahrnehmung zunächst als gegeben vorhanden ist. Immer wieder ist zu überprüfen, ob die geistige Wahrnehmung auch tatsächlich  demjenigen Begriff entspricht, dem man sie zuordnet. Erst wenn alle Ergebnisse dieser Prüfung standhalten, darf sich der Schüler der Geisteswissenschaft berechtigt fühlen, diese seine Ergebnisse als Geist-Erkenntnisse weiterzugeben (S. 11-12).

… und wenn in den Ausführungen nicht die eigenen, sondern die Erkenntnisse Rudolf Steiners wiedergegeben werden, so wird ausdrücklich darauf hingewiesen … (S. 13).

… es war und ist nicht mein persönliches Anliegen, das eigene Schicksal zum Hauptpunkt meiner Darstellungen, sondern mit den vorhandenen Mitteln das Christus-Ereignis durchdringbarer zu machen … (S. 14).

… Die oben geschilderte Wahrnehmungsart ist als Folge vorheriger Leben bereits in frühen Jahren vorhanden gewesen … Nichtsdestotrotz wird eine „Kontinuität des Bewusstseins“ jenseits der Schwelle immer nur dann möglich sein, wenn der Mensch in grösster Anteilnahme, auch mit Leidensfähigkeit das Christus-Ereignis in sich aufgenommen hat und weiterhin in sich aufnimmt – wenn er sich anteilnehmend, liebevoll, demütig und dankbar nicht nur in seinem Gemüt, auch mit seinen Erkenntniskräften der geistigen Welt zuwendet, bis er selbst so stark berührt ist von jenem grössten Menschheitsgeschehen, dass er sich wie stigmatisiert zu fühlen beginnt, weil er erkennt, weil er tief empfindet, dass sich das grosse Opfer des Erlösers auch für ihn selbst, für seine bescheidene Wesenheit, in der aber der Keim Gottes liegt, vollzogen hat … (S. 14-15).

Im Buch werden dann Örtlichkeiten der Ereignisse der Zeitenwende geschildert mit Details des „letzten Abendmahls“ wie: Es waren also Plätze für 49 Menschen gedeckt worden: 48 Plätze für die Schüler des Herrn und einer für den Erlöser selbst. Es gab tatsächlich viele Jünger Christi, die sehr eng mit Ihm verbunden waren …(S. 30-32) usw. usf. Oder diplomatische „Erkenntnisse“ über den Gralskelch: Dieser Kelch besteht nicht aus einem uns bekannten Material. Man konnte nicht sagen, dass er aus Holz, Metall oder Stein war. Er war weder weich noch hart, er war vielmehr beides zugleich. Seine Farbe ist nicht zu beschreiben … (S. 40) usw. usf.

Über mehrere Seiten schildert die (angeblich) Stigmatisierte das Schlachten und Zubereiten der Lämmer, und sie liefert uns „unerlässliche“ Details zur „Vervollständigung“ unseres Erkenntnishorizonts bezüglich des zentralen Menschheitsereignisses! Das Blut der Opferlämmer, die im Tempel geschlachtet wurden, nahm einen anderen Weg. Es wurde durch Öffnungen im Boden in unterirdische Kanäle abgeleitet, die aus dem Teich Bethesda ausserhalb der nördlichen Stadtmauer gespeist wurden und im sogenannten Tyropöon-Tal in ein geräumiges Wasserbecken mündeten … (S. 59).

Schon einige Seiten davor hatte sie an unserem bisherigen Christus-Jesus-Bild mit ungeahnten und unerwarteten Enthüllungen gekratzt: Auch wenn es manche Zeitgenossen erschüttern wird, es wäre eine unvollständige Beschreibung des letzten Abendmahles, wenn die Tatsache verschwiegen würde, dass an jenem Abend in Seiner Eigenschaft als Lehrer und Meister der Christus Jesus eigenhändig den Schächtungsschnitt ausführte … (S. 51). Der Herr vollzog den Schächtungsschnitt am Lamm auch aus einer okkulten Notwendigkeit heraus: Er selbst schlachtete das Lamm, da er sich selbst zum Opfer hingeben würde (S. 52).

Kommentar: Seit Jahren versucht man uns weiszumachen, dass Rudolf Steiner ein Rassist gewesen sei, und nun will man uns (aus einer ähnliche Ecke) ausserdem beibringen, dass der Christus-Jesus alttestamentliche Blutrituale vollziehen musste. Wer könnte nach diesen wenigen aber prägnanten Textstellen immer noch davon ausgehen, dass diese Eingebungen, wie uns tendenziell in der anthroposophischen Presse nahegelegt wird, von einer christlichen Eingeweihten stammen? Es kann sich doch bestenfalls um eine (heimliche) Verfechterin des Alten Testaments handeln! – 31.8.2008/wl

[1] Bei keiner esoterischen Gruppierung ausser den Anthroposophen findet man so viele und zudem gut- und leichtgläubige Menschen, die scheinbar „über den Tisch“ gezogen werden wollen. Dadurch findet dort jeder halbwegs geschickte Intellektuelle ein fruchtbar-lukratives Betätigungsfeld. Die Gefährlichsten unter ihnen werden konsequenterweise von der anthroposophischen Obrigkeit offen oder verdeckt unterstützt, entsprechend der Tendenz, dem echten anthroposophischen Kulturimpuls entgegen zu wirken.

[2] Als herausragendes Beispiel möchten wir Sergej Prokofieff, gegenwärtiges Vorstandsmitglied in der AAG in Dornach, bezeichnen. Irina Gordienko hat in ihrem Buch Die Erneuerung der Mysterien durch Sergej O. Prokofieff (Basel 1998; das russische Manuskript so wie die englische Ausgabe tragen den Titel: Sergej O. Prokofieff – Mythos und Realität) dieses Phänomen in vielen Details nachgewiesen.

[3] Es täte manchem braven Anthroposophen gut, wenn er seinen Horizont bezüglich dem, was in der physischen Welt alles möglich ist, erweitern würde. Dann würde er nicht auf jeden anthroposophischen „Uri Geller“ hereinfallen, resp. glauben, dass derjenige, der über paranormale Fähigkeiten verfügt, deshalb gleichzeitig ein besserer Mensch sein muss. Ich hatte das Glück, während meiner „Wanderjahre“ auch diesbezüglich meine Neugier zu befriedigen. Sogar sehr blutige Erfahrungen konnte ich auf diesem Gebiet sammeln. So hat mir beispielsweise in Baguio (Philippinen) ein dortiger Geistheiler (Logurg oder Psychochirurg) mit einem Fleischmesser einen Schnitt in den Unterleib gemacht, da mein Problem „zu tief“ sei, wie dieser entschuldigend sagte. Er stocherte daraufhin mit den Fingern im Unterleib herum, bevor er die Wunde mit einem Wattebausch abrieb und ich wieder einen völlig unversehrter Bauch hatte! Alle diese „Operationen“ finden ohne Betäubung oder hygienische Vorkehrungen statt. Doch selbst wenn solche Operationen der Gesundheit zuträglich sind, impliziert das noch lange nicht, dass der betreffende Heiler ein Heiliger oder auch nur integrer Mensch sein muss. Die Geistheiler auf den Philippinen oder in Brasilien sind zwar einfache, anständige Menschen, die ihren verarmten Mitmenschen helfen, zumindest solange, wie sie nicht zur okkult-medizinischen Attraktion der westlichen und japanischen Geistheilertouristen gehören.

[4] Judith von Halle, Das Abendmahl. Vom christlichen Kultus zur Transsubstantiation, Dornach 2006.

 

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